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Die Kreter

Dies können jetzt nur subjektive Aussagen zu den Bewohnern der Insel werden, da hier von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen ausgegangen wird. Sie sollten selbst mit einer gewissen Neugier dieses Volk erkunden...

Auf jeden Fall, werden Fremde (xenòs - gleichbedeutend mit Gast), immer herzlich willkommen geheißen. Allerdings kann dies heutzutage auch einfach aus dem wachen Geschäftssinn der Einheimischen kommen... Es gibt einen Unterschied zwischen dem verbindlich-freundlichen Lächeln eines Kellners in der Taverne am überfüllten Strand im Norden der Insel und dem herzlichen Willkommen (Kahlòs ilhatè) eines Einheimischen im Südosten, wo die Touristenschwemme im Sommer nicht ganz so krass ausfällt und die filoxènia (Gastfreundschaft) auch noch diese Bedeutung hat ...

Meiner Meinung nach sind die Kreter so hilfsbereit wie stur. Sie können auf Entgegenkommen hoffen und dabei hoffnungslos verlieren. Und durchaus keine Hilfe erwarten und dann praktisch mit Hilfe und Herzlichkeit überschwemmt werden. Wenn wir meinen, wir verhalten uns jetzt sicher richtig, weil vorsichtig distanziert... fordern wir womöglich gerade einen Wutausbruch heraus. Tappen wir einfach drauflos und meinen, wir machen es wie die Kreter – ist es wahrscheinlich völlig daneben... Der Kreter ist immer für Überraschungen gut. (Vor allem für uns oft zu förmlich-distanzierte Deutsche.)

Was ihn dabei völlig von anderen unterscheidet, ist die brennende innere Überzeugung, die hinter seinem Tun steckt. Was ihn interessiert und beschäftigt, kann er leidenschaftlich zum Ausdruck bringen (und stundenlang diskutieren). Was ihm nicht wichtig ist – zeigt er deutlich und ohne diplomatische Rücksichtnahme. Dies kann allerdings einige Stunden später schon völlig anders aussehen...

Ich denke, gerade die Mitteleuropäer, die immer in „diplomatischen Schranken“ denken, haben damit ein Problem. Andere eher südländische Völker nehmen das Leben auch nicht so verbissen und kommen sicher besser mit der griechischen (kretischen) Mentalität zurecht.

Schon in alten Zeiten hatten die Kreter nicht den besten Ruf. Der Apostel Paulus verließ die Insel recht schnell wieder, weil er einfach keine Ordnung in dieses Völkchen bringen konnte. Er suchte leichtere Aufgaben und ließ Titus allein auf der Insel zurück. Allerdings gab er ihm allerlei gute Ratschläge aus der Ferne, wie dieser mit diesen widerspenstigen Menschen zurechtkommen könne...
Was genau dem Apostel die Insel der Götter so vermiest hat, weiß heute niemand mehr. Die Kreter vermuten, Paulus habe ihr Wein nicht geschmeckt. Und außerdem diskutierten und zerredeten sie das heilige Evangelium Jesu Christi.
Tja, die Griechen an sich sind halt Philosophen...Vielleicht hatte aber Paulus das Problem, welches wir Mitteleuropäer heute noch haben: Wir nehmen die Dinge einfach zu ernst und verbissen, sind zu arbeitseifrig und nicht immer risikofreudig genug. Meinte Paulus deshalb, die Kreter seien faul und trotzig?

Sigà, sigà, (langsam, langsam) ist die wohl am meisten verwendete Phrase der Kreter. Unrecht haben sie ja nicht. Und es verwundert mich immer wieder, wie schnell ich mich diesem Rhythmus anpassen kann. Warum eilig hetzen? Bei einem Frappè ein Schwätzchen im Schatten halten und dann ganz sigà weitermachen... so lässt es sich leben.
Wenn unser Freund Manos mir den Satz „Wenn du das willst, dann bleib doch einfach hier...“ an den Kopf wirft, wenn ich am Tag vor der Abreise griesgrämig und melancholisch vor meinem Raki sitze und nicht wieder nach Hause möchte... Dann klingt das so einfach, dass ich versucht bin, es wirklich in die Tat umzusetzen. Klar, warum nicht...?

Allerdings bin auch ich wohl viel zu deutsch um spontan handeln zu können. Und so bleibt wieder nur die Vorfreude auf den nächsten Kreta-Aufenthalt – und der traurige Abschied.



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